Assoziiert: Literarische Verschiebungen demographischer Diskurse: Der deutschsprachige Generationenroman der Gegenwart (Prof. Dr. Ulrike Vedder, Germanistik/ Romanistik, HU Berlin)
Der Boom der Generationenromane in der aktuellen Literatur lässt sich als eine besondere Thematisierung von ‚Erbengesellschaft’ und ‚Generationengerechtigkeit’ verstehen.110 Ihre Spezifik liegt in ihrer verschobenen Perspektive auf demographische Phänomene, durch die sie deren nicht explizierte Voraussetzungen und zugrunde liegende Diskurse erkennbar machen kann. Denn zum einen fungiert die Literatur als Experimentierfeld radikaler Lösungen gegenwärtiger Probleme, und zum zweiten kann sie das imaginäre Potential, d.h. jene Ängste und Wünsche, die durch die gegenwärtigen Umbrüche und Krisendiskurse freigesetzt werden, darstellen und bearbeiten. Insofern reagiert sie weder alarmistisch auf die Folgen des demographischen Wandels111 noch nutzt sie ihn als bloßen Themenlieferanten112. Vielmehr lässt sich die literarische Reflexion in deutschsprachigen Texten113 in zwei Richtungen ausmachen:
1) Vergangenheitsbesessenheit. Betrachtet man die gemeinhin als ‚Erinnerungsliteratur’ bezeichneten Texte, die Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg fokussieren, unter einer generationellen Perspektive – die Generation genealogisch begreifend –, so zeigt sich zunächst die Literaturproduktion als Folge der ‚rohen’ demographischen Tatsache eines gegenwärtigen Aussterbens von Zeitzeugen, das sowohl den Erzählanlass (weil die Alten gerade noch leben) als auch die Erzählbedingung (weil sie nun tot sind) darstellen kann. Daraus ergibt sich sowohl innerliterarisch als auch für die Deutungsarbeit eine neue Reflexion der Transgenerationalität jener Traumatisierungen, Schuldfragen und Erinnerungsmodi, die auch für gegenwärtige Familien- und Reproduktionsschemata – mithin Kategorien demographischen Denkens – von entscheidender Bedeutung sind: eine Bedeutung allerdings, die in der Literatur entfaltet wird114, in den Bevölkerungswissenschaften aber keine Rolle spielt.115 Dass die aktuelle literarische Reflexion häufig an Protagonisten der ‚3. Generation’ gebunden wird,116 betont nicht nur die genealogische Bedeutung von ‚Generation’, vielmehr macht die damit einhergehende Befreiung vom Authentizitätspostulat auch das Problem der Transgenerationalität und des Verhältnisses von Erinnerung, Dokumentation und Fiktion neu befragbar.117 Die daraus resultierende Spannung von Wissen(-wollen) und Nichtwissen(-wollen) wird aus der Perspektive der Enkel vielfältig literarisch produktiv, z.B. im Kampf gegen die großelterliche Erbschaft118 oder in einer Krankheit zum Tode119. Dies wirft die Frage nach der Zukunftsorientierung der Literatur auf – zielt doch der demographische Diskurs auch auf Antizipation und Gestaltung der Zukunft.
(2) Zukunftsverweigerung. Ein solcher Gestaltungsauftrag wird in der Gegenwartsliteratur zurückgewiesen, womit zugleich – die Generation als Alters- und Interessengruppe begreifend – der Generationenkonflikt auf neue konfrontative Weise inszeniert wird. Dies geschieht, indem die Texte den tragischen, abstrusen oder befreienden Folgen einer Aufkündigung des Generationenvertrags nachgehen, und zwar seitens der sich offensiv als Generation setzenden Jungen und Alten.120 Damit leistet die Literatur ein qualitativ vorgehendes Erforschen der Gegenwart anstelle quantitativ-zahlenorientierter Zukunftsszenarien. Zudem werden die Anstrengungen für ein ‚demographisch notwendiges Programm’ (in dem die Jungen ökonomische Eigenverantwortung, generative Reproduktion und die Versorgung der Alten leisten) in vielen Romanen zwar erwogen, aber verzögert bzw. verweigert121 – besonders inte ressant in aktuellen Wirtschaftsromanen über Familienunternehmen (vgl. TP 4).122 Beide Schreibstrategien, die offensive und die verweigernde, betreiben also eine innerliterarische Radikalisierung der Kategorie ‚Generation’, die sie zugleich – weil Literatur ihre Sinngebungsprozesse ausstellt – hinterfragen, wenn sie demographische Diagnosen als Konflikte individualisierter literarischer Protagonisten inszenieren.
Das Teilprojekt analysiert also den aktuellen Generationenroman als eine Literatur, die auf verschobene Weise ‚qualitative Demographieforschung’ betreibt. Eine solche Untersuchungs-perspektive bearbeitet einerseits eine größere Menge von Texten123 die sie andererseits qualitativ konstelliert und analysiert, um tragfähige Aussagen über veränderte Darstellungsweisen der literaturgeschichtlichen Topoi ‚genealogisches Erzählen’ bzw. ‚Generationenkonflikt’ sowie über einen neuen Einsatz von ‚Generation’ in der literarischen Erforschung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft treffen zu können. Zudem dient eine Kombination aus extensiver Lektüreund detaillierter Reflexion dazu, den literarisch-rhetorisch-medialen Charakter der ‚Generation’124 – der von zentraler Bedeutung auch für die nichtliterarischen Diskurse über ‚Generation’ ist – sowie die verkürzte Verwendung der Denkfigur ‚Generation’ seitens demographischer Diskurse präzise zu bestimmen. Dass diese Perspektive über eine reine Literaturanalyse hinaus eine Gegenwartsanalyse anvisiert, rekurriert auf die Fähigkeit der Literatur, von Individuen ausgehend ein anderes Licht auf die über den Einzelnen hinausreichenden Verhältnisse zu werfen und so erschließende, analytische und kritische Funktionen zu übernehmen, die die Demographie – die ganze Bevölkerungen oder einzelne Gruppen mit den Mitteln der empirischen Sozialforschung zu erfassen sucht – nicht in den Blick bekommen kann.
110 Vgl. dagegen die These von einer Verdrängung bzw. Kompensation des gegenwärtigen Bedeutungsverlusts
der Familie seitens der boomenden Familienromane, z.B. in Löffler 2005, v.a. S. 22.
111 Auch die Texte von M. Houellebecq stellen eine biopolitische und kulturpessimistische Reflexion auf demographische Probleme dar, vgl. La Possibilité d’une île (2005).
112 Dagegen z.B. Ihms Aufforderung zur Literaturproduktion: „Die demografische Entwicklung liefert Themen genug: Einsamkeit im Alter, Altenheime in Schwellenländern, Kinder als Luxusgeschöpfe“ (Ihm 2006, S. 68).
113 Vergleicht man den deutschsprachigen Generationsroman z.B. mit dem US-amerikanischen (von Roth, Eugenides, Franzen, Foer, Lee u.v.a.), zeigt sich anhand der unterschiedlichen Auseinandersetzungen mit Familienvorstellungen, Migrationsproblematik oder Generationskonflikten die spezifische Fixiertheit der deutschsprachigen Literatur auf NS-Geschichte, transgenerationelle Traumatisierung, jüdische Familie usw.
114 Etwa wenn die Nachgeborenen der ‚Tätergeneration’ programmatisch kinderlos bleiben, vgl. D. Konradi:Fehlt denn jemand (2005), oder wenn Familien biographisch inspirierte ‚jüdische Familienromane’ verfassen: G. Lustiger: So sind wir. Ein Familienroman (2005) und A. Lustiger: Sing mit Schmerz und Zorn. Ein Leben für den Widerstand (2004) oder R. Menasse: Die Vertreibung aus der Hölle (2001) und E. Menasse: Vienna (2005).
115 Vgl. auch Alys provokante Thesen zur Bereicherung der Bevölkerung im ‚3. Reich’ aus geraubtem Vermögen und zur Entwicklung des bundesdeutschen Sozialstaats ‚aus dem Geist der Volksgemeinschaft’ (Aly 2005).
116 M. Beyer: Spione (2000); T. Dückers: Himmelskörper (2003), Der längste Tag des Jahres (2006); K. Hacker:Eine Art Liebe (2003); E. Hummel: Die Fische von Berlin (2005); St. Wackwitz: Ein unsichtbares Land (2003).
117 Vgl. Weigel 2006, S. 87-103. Zur aktuellen literarischen Thematisierung von Luftkrieg und Fluchtgeschehen im Großeltern/ Enkel-Schema vgl. Vedder 2005 (am Beispiel von Grass, Jirgl, Dückers). Zur versöhnendenÜberidentifikation der Autoren und Leser mit der Eltern- bzw. Großelterngeneration vgl. Welzer 2004.
118 Vgl. z.B. A. Geiger: Es geht uns gut (2005).
119 Vgl. z.B. R. Jirgl: Die Unvollendeten (2003) oder M. Streeruwitz: Morire in Levitate (2004).
120 Zur familial organisierten Altenversorgung: G. Reinshagen: Joint Venture (2003), Pflege/ Sterbehilfe: Th.
Lang: Am Seil (2006), Gesundheitssystem: J. Faktor: Schornstein (2006), Bildungssystem: J. Zeh: Spieltrieb(2004).
121 Zur Bindungsverweigerung der Jungen gegenüber potentiellen Reproduktionspartnern bzw. zu versorgenden und zu beerbenden Alten vgl. R. Bönt: Berliner Stille (2006), J. P. Bremer: Still leben (2006), A. Maier: Kirillow(2005), R. Rothmann: Hitze (2003), M. Streeruwitz: Jessica, 30 (2004), M. v. Uslar: Waldstein (2006).
122 Vgl. J. v. Düffel: Houwelandt (2004); H. Graf v. d. Goltz: Die Erben (2000); E.-W. Händler: Fall (1997) und Wenn wir sterben (2002); S. Mulot: Die Fabrikanten. Roman einer Familie (2005); S. Nadolny: Ullsteinroman (2003); H.-J. Ortheil: Die geheimen Stunden der Nacht (2005); B. Spinnen: Der schwarze Grat (2003).
123 Zur Zeit umfasst das Textkorpus ca. 30 Romane. Vgl. dagegen die in Fragestellung und Ansatz ganz anders gelagerte Studie von F. Eigler, die vier Generationenromane detailliert analysiert (Eigler 2005). Zur Untersuchung zeitgenössischer Familienromane (und Väterliteratur): Gehrke 1992 und Mauelshagen 1995 (über Literatur der 1970er/ 80er Jahre) sowie Gogos 2005 (über Literatur v.a. der 1990er Jahre).
124 Strukturanalog die Formulierung von der Familie als „wahrhafte Diskursmaschine“, die „Vertraulichkeiten, Bekenntnisse, Kinheitserinnerungen“ hervorbringt, die wiederum die Familie generieren (Kittler 1991, S.14).
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