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Genealogischer Baum der Familie Dubois, 1883

Teilprojekt 6:Genealogische Perspektiven zu Bioethik und Biodemographie (Prof. Dr. Dr. h.c. Sigrid Weigel, Literatur- und Kulturwissenschaft, ZfL)

In den bioethischen Debatten und der bioethischen Forschung, in der es um brisante Probleme der Reproduktionsmedizin, Organtransplantation, Sterbehilfe und biomedizinischen Forschung geht, spielen kulturwissenschaftliche Perspektiven bisher eine marginale Rolle. Der Diskurs, der durch biowissenschaftliche, juristische, theologische und philosophische Argumentationen geprägt ist125, mündet – insbesondere in Deutschland – nicht selten in Aporien, die sich als unversöhnlicher Gegensatz darstellen. Diesem liegt aber, wie eine erkenntnistheoretische Analyse der zugrunde liegenden Konzepte erhellt, eine Struktur zugrunde, die einerseits konzeptionelle Analogien der beteiligten Disziplinen aufweist – in der Isolierung z.B. von Übertragungsvorgängen (von Leben, Organen) aus soziokulturellen oder reproduktionsbiologischen, epigenetischen Zusammenhängen und der Definition der Gegenstände als Einheiten (Blastozyte, Embryo, Stammzelle, Person126) –, aus der aber andererseits unversöhnliche Gegensätze erwachsen: in der Gegenstellung etwa von Größen wie ‚Blastozyte’ und ‚Person’. Eine kulturwissenschaftliche Perspektive, die die Übertragung von Leben als ein intersubjektives, intergenerationelles Geschehen konzeptualisiert, vermag nicht nur dazu beizutragen, die bioethisch brisanten Phänomene soziokulturell zu kontextualisieren, sondern auch die infrage stehenden Probleme neu zu konzeptualisieren.127
Bislang werden historische Perspektiven zu bioethischen Problemen vor allem im Falle der ‚Sterbehilfe’ eingebracht128, da die Geschichte der Euthanasie hier dazu führt, dass die aktuellen Debatten sich vor allem in Deutschland im Schatten der Vergangenheit abspielen. Auch im Falle der ‚Organtransplantation’ werden – aufgrund der darin involvierten Fragen konkurrierender und von der Medizingeschichte abhängiger Todesbestimmungen – kulturgeschichtliche und medizinhistorische Perspektiven erforscht.129 Ansonsten aber stehen kulturgeschichtliche Deutungsmuster130 und bioethische Forschung zu reproduktionsmedizinischen Fragen weitgehend unverbunden nebeneinander, – mit Ausnahme der Arbeiten von Wiesemann, die jüngst eine Ethik der Elternschaft vorgelegt hat.131
Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive betreffen die aktuellen bioethischen Fragen aber die Verfassung der menschlichen Kultur als Genealogie, d. h. als Übertragungs-, Überlieferungsund Vererbungsgeschehen in der Abfolge der Generationen. Sie betreffen die heute Lebenden in ihrer Beziehung zu den Vorfahren bzw. Verstorbenen und zu den noch nicht Geborenen132. Das Subjekt steht dabei nicht isoliert dem ‚anderen’ oder der Gemeinschaft gegenüber, sondern ist Teil einer Überlieferung, die durch die Körper hindurchgeht. Reproduktionsmedizinische Phänomene wie etwa die IVF erscheinen dann als komplexes Phänomen von ‚Natalität’ (Arendt).133 Als Voraussetzung des menschlichen Lebens bestimmt die Genealogie die Art und Weise, in der die Menschen ihr Angewiesensein auf und ihre Verantwortung für andere Generationen gestalten, deuten und regulieren. Im Teilprojekt geht es darum, diese Perspektive für einzelne bioethische Themen zu entfalten und zu konkretisieren. Dabei ist offen, wie sich eine solche Untersuchungsperspektive zur biodemography verhält. Deren Anschlussfähigkeit an bioethische Fragen gründet in methodischer Verwandtschaft, der Arbeit mit einzelnen Größen (wie Fertilität, Lebenserwartung), während viele Kategorien der biodemography134 – z.B. Konzepte wie Lebensspanne, Sterblichkeit, Familie, Verwandtschaft – sich andererseits mit den soziokulturellen Konzepten von Generation und Erbe berühren. Für das Ausgreifen der biodemography in eine evolutionstheoretisch fundierte biowissenschaftliche Grundlagenforschung und in die Anthropologie135 spielt das Konzept der population – in der semantischen Überlagerung von Bevölkerung und Spezie, die wissenschaftsgeschichtlich auf die Überlagerungen von ‚Generation’ und ‚Gattung’ zurückgeht – eine wichtige Rolle. Dagegen sind mit der Epigenetik, die intergenerationelle Übertragungen jenseits der DNA (an der Schwelle von Natur-Kultur) erforscht, theoretische Grundannahmen der biodemography zu befragen.
Das Teilprojekt zielt auf eine genealogische, d.h. intergenerationelle und intersubjektive Reformulierung bioethischer Fragen und nimmt Anregungen aus der Kooperation mit den Mittelalterhistorikern auf (insbesondere zur Tauschökonomie zwischen Lebenden und Toten136, zur nicht-biologischen Verwandtschaft und zum Stiftungswesen) und versteht sich als Ansatz zu einer Art ‚Kulturdemographie’ – in Analogie zur biodemography.




125 Vgl. Honnefelder 1996, Gerhardt 2001, ten Have 2003, Gerhardt 2004, Antoine 2004.

126 Vgl. Lutz-Bachmann 2005.

127 Weigel 2006a.

128 Vgl. Hoerster 1998, Benzenhöfer 1999, Frewer/ Eickhoff 2000.

129 Braet/ Verbeke 1983, Schlich/ Wiesemann 2001.

130 Etwa Schlumbohm u.a. 1998, Duden/ Schlumbohm/ Veit 2002.

131 Wiesemann 2006.

132 Vgl. Harrison 2006.

133 Arendt 1967.

134 Carey/ Vaupel 2005.

135 Vgl. etwa Wasserloos 2005.

136 Oexle 1983.


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Letzte Änderung: 25.09.2007 - Feedback