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Genealogischer Baum der Familie Dubois, 1883

Teilprojekt 5: Literarische Verschiebungen demographischer Diskurse: Intergenerationalität als literarische Konfiguration in amerikanischen Erzähltexten der Moderne und Gegenwart (Dr. Jörg Thomas Richter, Amerikanistik, ZfL)

Das Teilprojekt trägt zu den hier entwickelten Untersuchungen intergenerationeller und demographischer Relationen in zweierlei Hinsicht bei. Untersucht werden erstens aus literaturwissenschaftlicher Perspektive die Implikationen des demographischen Wandels für das Erzählen von Intergenerationalität, und zwar sowohl hinsichtlich methodischer als auch kulturexplorativer Aspekte. Zweitens vertieft die Erarbeitung amerikanischer Erzähltexte zusätzlich eine vergleichende Perspektive97. Denn vom demographischen Wandel ist keineswegs nur Europa betroffen. Konfrontiert sind damit auch die USA, wo gegenwärtig die Generation der Baby-Boomer - die geburtsstarken Jahrgänge der 1940er und 1950er - in den Ruhestand tritt. Das in den USA entfaltete demographische Krisenszenario beschreibt die nachlassende Reziprozität zwischen den Generationen, die aus der Überalterung der Gesellschaft, aus dem Geburtenrückgang, aus steigenden Scheidungsraten, aus der nach dem Ende des Kalten Krieges vorangetriebenen Globalisierungsdynamik, aber auch aus Migrationsbewegungen, aus Geschlechterpolitik und aus multikulturalistischer Binnenpolitik resultiert.98 Mit diesem Bruch in sozialen Kontinuitäten geht ein gestiegener Erzählungsbedarf einher, der in der Tat mannigfach medial bedient wird: im Drama, im Roman und ohnehin im stets familienorientierten Genre des Spielfilms und der Serie.99
Das aber soll nicht heißen, dass die filmischen oder literarischen Erzählungen im Horizont von Intergenerationalität ausschließlich dazu dienten, die demographisch manifeste Krise eskapistisch zu illustrieren bzw. zu kompensieren. Sie werden beispielsweise erzählt, um dem latenten Konflikt zwischen Generationen vorzubeugen; sie werden als Legate der Alten an die Jungen übermittelt; sie sollen, wie im analytischen Drama, die Bedingungsgefüge des je Gegenwärtigen in dessen historisch 'ererbter' Bedingtheit unterstreichen; sie extrapolieren von Vergangenheits- und Gegenwartsdemographie auf Zukunftsgesellschaft;100 oder sie thematisieren Integrationsmuster für die Herausbildung personaler bzw. gruppen- oder ethnospezifischer Identität.101 Kurz: Die Funktionspotentiale intergenerationell dimensionierten Erzählens sind vielfältig. Den Kern der Studie bildet die Frage, wie - und innerhalb welcher diskurshistorischer Fluchtpunkte - künstlerische Texte den intergenerationellen Transfer von Normen, psychophysischen Charakteristika, Besitz oder symbolischen Werten darstellen, wie solche Qualitäten von einer Generation auf die nächste 'überliefert' werden, wie Generationen ihre Deszendenz und Transzendenz organisieren. Wie wird die Interaktion zwischen verschiedenen Generationen dargestellt; auf welcher diskursiven Grundlage werden intergenerationelle Transferprozesse organisiert?102 Wie verhalten sich die literarisch entworfenen, demographischen Szenarien gegenüber den wissenschaftlichen (soziologischen, biologischen) und politischen Dispositiven ihrer Zeit?103 Und: Wie wird angesichts der historischen Varianz von Konzepten wie 'Generation' und 'Familie' generationelle Semantik überhaupt erstellt?
Das Teilprojekt untersucht in diesem Sinn Beispiele literarischen und filmischen Erzählens von demographischem Wandel als Ausdruck kollektiver Vorstellungen von Futurität. Damit unterscheidet sich die Studie in ihrem Ansatz von gängigen, innerhalb der anglistischen und amerikanistischen Forschung bislang durchaus dominanten Diskussionen, in denen Vererbungs- und Tradierungszusammenhänge maßgeblich dazu dienen, ethnische oder geschlechterbezogene Identitätskonstruktionen aufzuzeigen.104 Vielmehr ist zu problematisieren, dass und wie solche Transferleistungen als Gut verstanden werden, um zu ermöglichen, Gegenwärtiges auf Dauer zu stellen bzw. in Zukunft auszumerzen. Untersuchungsziel ist, die gegenwärtig in den USA virulenten intergenerationellen Erzählmuster in ihrer historischen Tiefenschärfe darzustellen. Dabei wird die Genese literarischer Vererbungsdiskurse anhand prägnanter Beispiele aus unterschiedlichen Genres diskutiert, aus Roman und Drama der 1920er bis 1950er; der Lyrik der 1970er und 1980er, der Prosa und des Films der 1990er und der Gegenwart. Zwei grundsätzliche Fragerichtungen werden verfolgt:
Erstens werden in erzähltheoretischer Hinsicht die (möglichen) Konsequenzen demographischen Wandels für erzählerische Formen und Stile erarbeitet. Denn im Sinne neuerer Erzählforschung ist das Erzählen selbst von der Form seiner Einbettung in Kommunikationszusammenhänge, und zwar insbesondere von seiner Relation zu interpersonalen, vorrangig: familialen Systemen abhängig.105 Zugleich können Erzählungen als kognitive Instrumente dienen, die es ermöglichen, unterschiedliche Wissensgebiete zu organisieren und erfassbar zu machen.106 Im Vordergrund der narratologisch orientierten Untersuchung stehen dabei die in solchen Erzählungen entwickelten Begriffe von Zeit, Figur und Perspektive.107 Die text- und diskursanalytische Untersuchung lässt Befunde erhoffen, wie Generationen erzählerisch figuriert werden, bzw. entlang welcher Handlungsparameter sie mit- oder gegeneinander relationiert werden. Dabei wird das in einem ersten Schritt an literarischen Texten erarbeitete narratologische Instrumentarium in einem zweiten Schritt auch auf die Rede von Intergenerationaliät innerhalb der Sozial- und Geisteswissenschaften angewendet, wenn es beispielsweise darum geht, aus demographischer Dokumentation den Verfall von Generationenreziprozität abzuleiten, bzw. ökonomische Verfallsszenarien zu entwerfen. So hat heute schon die Verlagerung von Erzählperspektive in die Zukunft hinein als Modell ethischer Reflexion Konjunktur, wenn Jürgen Habermas "die Perspektive einer künftigen Gegenwart ein[nimmt]", um Gegenwart zu reflektieren.108
Zweitens werden in diskursanalytischer und thematischer Hinsicht Erzählungen von Generationenzusammenhängen als kulturelle Reflexionsform begriffen, die, mit gegenwartsdiagnostischem Anspruch, als 'qualitative Demographieforschung' begriffen werden können (Dazu siehe das assoziierte Teilprojekt von Ulrike Vedder, "Der deutschsprachige Generationenroman der Gegenwart"). Indem das Teilprojekt vor allem auf Texte amerikanischer Provenienz rekurriert, werden in vergleichender Perspektive kulturspezifische Konfigurationen innerhalb der Rede von Erbe und Vererbung sichtbar. Vererbung hat, so ein wichtige Hypothese, eine Systemstelle im amerikanischen Weltbild eingenommen, die in den USA noch Mitte des 19. Jahrhunderts mit puritanischer Prädestinationslehre und im nationalen Mythos mit dem Manifest Destiny besetzt war.109




97 Ein Gros der Intergenerationalitätsparabeln, die Frank Schirrmacher in Minimum erzählt, ist in den USA angesiedelt, die, obwohl tatsächlich weniger 'überaltert' und 'geburtenschwach', der deutschformatierten Polemik das Exempel stellen.

98 Vgl. zu den biopolitischen, biologischen, soziologischen, rechtlichen, ökonomischen und kulturmentalen Dimensionen Rogerson/ Kim 2005; Longman 2004; Kanazawa 2002; Kellerhals/ Ferreira/ Perrenoud 2002; Jankowiak/ Didrich 2000; Johnson 2000; Putnam 2000.

99 Beispiele für den Familienroman sind Maile Meloy: A Family Daughter (2006); Michael Kimball: The Way the Family Got Away (2000); Lee Smith: Oral History (1983); Allegra Goodman: The Family Markowitz (1996), Jonathan Safran Foer: Extremely Loud and Incredibly Close (2005). Die Generationenproblematik wird zudem in Autobiographien wie Rich Cohens Sweet and Low: A Family Story (2006) und in fiktionalen Autobiographien entfaltet, z.B. Bret Easton Ellis: Lunar Park (2006), Cormac McCarthy: The Road (2006); Marilynne Robinson: Gilead (2004).

100 Margaret Atwood: Oryx and Crake (2003). Michael Cunningham: Specimen Days (2005).

101 Bestes und populärstes Beispiel ist Toni Morrison: Beloved (1987), die Konstrukthaftigkeit solcher Erzählungen führt schön Philip Roths The Human Stain (2000) vor.

102 Das beinhaltet das Zurückweisen von Intergenerationalität wie in Philip Roth: American Pastoral (1997).

103 Die jüngste Forschung zum Familienroman ist zusammengefasst in Dell 2005. Zur Heterogenität der Ansätze cf. Burkhard 1929; Boheemen 1987; Neumann 1999; Eigler 2005; Heyde/ Scheuer 2004.

104 Vgl. Brodwin 2002.

105 Jonnes 1990.

106 Herman 2003.

107 Zum Problem der Figur siehe Müller 1991. Eine Strategie der Verzeitlichung ist chronologisches Erzählen von Generation zu Generation wie in Jeffrey Eugenides: Middlesex (2002); T. Cooper: Lipshitz 6, or: Two Angry Blondes (2006) oder der Fernsehserie Roots (Warner Bros., 1977), oder aber Prolepsen wie in Kurt Vonneguts Galapagos (1986) deuten zukünftige Entwicklungen an. Dementgegen dienen Analepsen z.B. der Hervorhebung von Herkunftsdetermination wie in Jonathan Franzen: The Corrections (2001); Maile Meloy: Liars and Saints (2003).

108 Habermas 2005, 9. Mit ähnlichen erzählerischen Perspektiven arbeitet auch der amerikanische Philosoph Francis Fukuyama. Gleichwohl ist solch retrospektives Erzählen aus der Zukunftsperspektive heraus ein klassisches Stilmittel der Science Fiction.

109 Vgl. Finkler 2003.


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Letzte Änderung: 25.09.2007 - Feedback