Teilprojekt 2: Die Generationalisierung der Ökonomie (Dr. Ohad Parnes, Wissenschaftsgeschichte/ Biologie, ZfL)
Die aktuellen Diskussionen zu Generationengerechtigkeit und -vertrag beruhen nahezu unisono auf einem klaren epistemologischen Schema: Sie setzen voraus, Altersgruppen seien die natürlichen Bausteine der menschlichen Gesellschaft, und folgen der Annahme, es gebe eine Öko-nomie des Gütertransfers zwischen ‚jungen’ und ‚älteren’ Altersgruppen innerhalb der Gesell schaft.65 Gegenüber einer breiten Literatur zu diesen Debatten und den theoretischen und empi-rischen Grundlagen gibt es nur wenige Studien zur historischen und epistemologischen Fundierung dieser Diskussion. Das Teilprojekt zielt auf eine Historisierung der Annahme, dass jede Gesellschaft auf einer klaren Abgrenzung zwischen ‚alt’ und ‚jung’ basiere, und der Vorstellung, es existierten zwischen diesen Gruppen Transferprozesse, die eine hilfreiche, sogar notwendige Erklärung der sozialen und kulturellen Dynamik lieferten.
(1) Eine der Arbeitshypothesen lautet, dass sich in der Phase von 1935 bis 1955 ein neues konzeptuelles Schema etablierte, dem zufolge das Leben der Menschen als ein ‚Lebenslauf’ aufzufassen sei, der sich aus genau definierbaren, voneinander abzugrenzenden ‚Lebensphasen’ zusammensetze.66 In der Demographie schlug sich dies in einer neuen Art nieder, statistisches und biologisches Wissen aufeinander zu beziehen, um den Lebenslauf von Organismen, Menschen eingeschlossen, als eine epistemologisch sinnvolle Einheit zu erachten.67 Zur gleichen Zeit entstand die moderne Disziplin der Entwicklungspsychologie, die den Lebenslauf in Abschnitte gliedert, die für die individuelle Genese sinnvoll sind.68 Auch die Ethnologie entdeckte in dieser Phase Altersgruppen („age-sets“, „age-classes“), die Schritt für Schritt das bis dahin vorherrschende Konzept der Verwandtschaftssysteme teilweise ablösten.69
(2) In einem zweiten Teil wird historisch nachgezeichnet, in welcher Form Altersgruppen zunehmend als Agenten sozialen und kulturellen Wandels in Anspruch genommen und, vor allem seitden 1940er und 50er Jahren, zunehmend als konkurrierende Gruppen mit widerstreitenden Interessen begriffen wurden. Die entstehende Wissenschaft der Soziologie hat dieses Schema für die Erklärung sozialer Prozesse intensiv bemüht. In der soziologischen Theorie manifestiert sich dieser Trend im Versuch Talcott Parsons, ‚Rollen’ und ‚Funktionen’ nicht nur Individuen, sondern ganzen Altersgruppen zuzuschreiben.70 Ein anderer Aspekt dieses Trends betrifft die graduelle Konvergenz des klassischen Begriffs der ‚Generation’ mit den neu etablierten ‚Altersgruppen’.71
(3) Der zentrale Teil der Untersuchung befasst sich mit der – seit dem Zweiten Weltkrieg – graduellen Herausbildung eines Denkens in Begriffen von Generationen im Bereich der ökonomischen Analyse. Paradigmatisch ist das ‚Overlapping Generations Model’ des Nobel-preisträgers Paul Samuelson.72 Die Ökonomie des ‚intergenerationellen Transfers’ ist ein anderes Beispiel dafür, wie – in etwas anderer Perspektive – die Ökonomie heute nicht nur auf die Weitergabe positiven Reichtums referiert, sondern auch auf ein Verständnis der ‚Vererbung von Ungleichheit’.73
(4) Interdisziplinarität: Dass sich dieses Konzept der Altersgruppen etablieren konnte, verdankt sich einem fundamentalen Wandel in Grundannahmen über die Gültigkeit des Wis-senstransfers über Disziplingrenzen hinweg. Dazu gehört (a) die Familiarisierung der Ökonomie: Die Generationalisierung der Ökonomie wird weitgehend in Begriffen von genealogischen Verhältnissen formuliert, hinter denen sich eine ‚Familiarisierung’ der ökonomischen Beziehungen innerhalb der Gesellschaft verbirgt, während sich zugleich eine gegenläufige Ordnung der ‚Familie’ nach allgemeinen ökonomischen Prinzipien ereignet (‚Ökonomie der Familie’).74 Des Weiteren ist (b) das Zusammenspiel zwischen ökonomischer Theorie und Demographie entscheidend: In den aktuellen Debatten um Generationengerechtigkeit oder Generationenvertrag werden ökonomisch-mathematische Modelle (z.B. das der ‚overlapping generations’) mit demographischen Daten kombiniert, um Zukunftsprognosen zu entwerfen. Zumindest historisch betrachtet steckt in dieser Methode ein zirkuläres Argument, denn das Modell selbst wurde auf der Grundlage von spezifischen Annahmen über die generationelle Dynamik konstruiert. Auch (c) das Zusammenspiel zwischen Biologie und Demographie offenbart eine ähnliche Fundierung demographischer Daten in einer Vielzahl von Annahmen über die Art und Weise, wie Bevölkerungen ‚in der Natur’ wachsen, die durch die Experimentalwissenschaft der ‚Biodemographie’ jüngst methodisch-systematisch erforscht werden. Dahinter verbirgt sich der Ansatz, „a universal set of population principles“75 zu identifizieren, und zwar vornehmlich auf der Basis von Experimentalmodellen anderer Organismen. Und (d) im Zusammenspiel von ökonomischer Theorie und Ethnologie wird das analytische Schema der Generationen und Altersgruppen oft auf ‚primitive’ Gesellschaften projiziert, um auf diese Weise hypothetische ökonomisch-demographische Universalien wie beispielsweise über Vererbung oder Sparen zu generieren.76 Eine naheliegende Perspektive in diesem Zusammenhang ist die Verzeitlichung der ökonomischen Theorie, wobei die Dynamik der Generationen das Kriterium
für diese Temporalisierung darstellt.77 Das ‚generational accounting’ hat den Begriff des homo oeconomicus substantiell verändert: Aus einer zeitlosen Figur ist ein alterndes Subjekt geworden, das einer bestimmten Generation angehört.
65 Vgl. Jencks 1979; Ermisch 1989; Mason/ Tapinos 2000; Lee 2003.
66 Die Geschichte des Konzepts des Lebenslaufs und der Altersgruppen ist nur selten untersucht worden. Eine Ausnahme ist die historische Perspektive, die wir in einer Reihe unserer eigenen Arbeiten einnehmen. Vgl. Kohli1985, 1990
67 Pearl 1925; Lotka 1925; Pearl 1939.
68 Vgl. Spranger 1921; Wexberg/ Adler 1926; Bühler 1933, 1934.
69 Vgl. Radcliffe-Brown 1942. Für eine frühe Pionierarbeit vgl. Schurtz 1902.
70 Vgl. Davis 1940; Parsons 1942; Eisenstadt 1956.
71 Vgl. Benedict 1942.
72 Vgl. Allais 1947; Samuelson 1958. Vgl. auch ‚Generational Accounting’ bei Auerbach 1991; Koltikoff 1992.
73 Vgl. Loury 1981 sowie in soziologischer Perspektive Jencks 1979.
74 Vgl. Becker 1991.
75 Vgl. Carey/ Vaupel 2005, S. 626.
76 Vgl. Walsh 1983; aus ethnologischer Perspektive vgl. Bernardi 1985.
77 Heute gilt das Problem der ‚overlapping generations’ als Teil des größeren Feldes der ‚intertemporal macroeconomic’. Vgl. Azariadis 1993.
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