PrePrint Erbe, Erbschaft, Vererbung
III. Eigene Vorarbeiten und Anschluss an das Projekt Erbe, Erbschaft, Vererbung
Das Projekt baut auf interdisziplinären vorausgegangenen Forschungen auf. So hat am ZfL eine interdisziplinäre Erforschung des Konzepts der Generation in kultur- und wissenschafts-geschichtlicher Perspektive stattgefunden (Weigel, Parnes, Willer, Vedder), in der erstmals systematisch die vielfältige Semantik des Konzepts vor Mannheim untersucht wurde, insbesondere die moderne, seit dem 18. Jahrhundert etablierte Doppelsemantik von biowissenschaftlicher Zeugungstheorie und kulturell-soziologischem Übertragungsbegriff, aber auch dessen ‚Vorgeschichte’ in antiken, biblischen und mittelalterlichen Genealogien. Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass die im 20. Jahrhundert dominante Verwendung als Kohorten- oder Altersgruppenbegriff ein junges Phänomen ist, in dem die Scharnierfunktion zwischen Gesellschaft und Biologie zu gleicher Zeit verdichtet und verdeckt wird.
Die Beobachtung, dass die blutsverwandtschaftlich definierte Kernfamilie, die heute als ‚Norm(al)familie’ gilt, erst mit dem modernen Generationenbegriff um 1800 zur Norm und in ihrer kurzen Dauer durchaus nicht allgemeine Realität war, war Ausgangspunkt des Projekts zu Generationen in der Erbengesellschaft . Überlieferungskonzepte zwischen Natur und Kultur im historischen Wandel, in dem das Konzept des Erbes als Zusammenspiel von kulturellen, rechtlichen und biowissen-schaftlichen Vererbungsvorstellungen in historischer Perspektive untersucht wird. Ziel ist es, postmoderne bzw. ‚posthumane’ Veränderungen der Verwandtschaftsstrukturen einerseits im Kontrastbild der Vormoderne zu analysieren (in Kooperation mit der Schule für historische Forschung der Universität Bielefeld: Bernhard Jussen, Karin Gottschalk, Urban Kressin) und andererseits jüngste wissenschaftliche Wechselbeziehungen zwischen Natur und Kultur, vor allem im Paradigma der ‚Epigenetik’ zu erörtern. Die historisch vergleichende Perspektive hat gezeigt, dass es in der Vormoderne keine einheitlichen Verwandtschafts- und Erbpraktiken gab, aber eine Vereinheitlichungstendenz auszumachen ist, die die Ausgangsbeobachtung bestätigt, während vormoderne Institutionen und Praktiken (vor allem Stiftungen und Verwandtschaftsformen jenseits der Blutsverwandtschaft) andererseits einen hohen Anregungscharakter für die Gegenwart besitzen. In der Kooperation mit der gegenwärtigen epigenetischen Forschung (Reproduktionsmedizin, Humangenetik) hat sich die Rolle der Generation als Scharnierkonzept für Natur-Kultur-Vermittlungen bestätigt. Das Projekt hat zum Ziel, die gewonnenen Einsichten für die aktuelle Debatte zu nutzen. Dafür ist es sinnvoll, Verbindungen zur sozialwissenschaftlichen und juristischen Generationen- und Erbeforschung herzustellen.
Martin Kohli hat – im weiten Feld der sozialwissenschaftlichen Generationenforschung – vor allem die Verbindungen zu kulturellen Phänomenen untersucht und zugleich die intergenerationellen Übertragungspraktiken zwischen familialen und ökonomischen Prozessen untersucht. Im Auftrag des BMFSFJ hat er den Deutschen Alters-Survey konzipiert, im Auftrag des BMGS den Zusammenhang zwischen Vererbung und Vermögensverteilung untersucht und er leitet in Berlin die Forschungsgruppe Altern und Lebenslauf (FALL), in der Gerontologie in interdisziplinärer Perspektive betrieben wird. Damit fokussieren seine Forschungen ebenfalls die Verbindung von Generation und Erbe.
Dieselbe Verbindung hat Peter Breitschmid aus rechtlicher Perspektive untersucht, wobei ihn besonders die erb- und steuerrechtlichen Antworten auf den soziokulturellen Wandel beschäftigen. Er ist Leiter einer interdisziplinären Arbeitsgruppe an der Universität Zürich, die unter demselben Titel wie das Berliner Projekt Generationen in der Erbengesellschaft steht und ethnologische, historische, literaturwissenschaftliche und juristische Perspektiven verbindet. Die Zürcher und die Berliner Gruppe stehen seit 2005 im Austausch.
Das Projekt Erbe, Erbschaft, Vererbung
- Zusammenfassung
- Thematischer Rahmen und Forschungsstand
- Projektbeschreibung
- Teilprojekte
- Zur historischen Semantik des Erbes im Mittelalter
- Das Verhältnis von Erbrecht und Familienkonzept in der europäischen Geschichte
- Testament und Erbschaft in der Literatur des 19. Jahrhunderts
- Natur- oder Kulturerbe? Vererbung und Erwerbung von Eigenschaften als biologische Figurationen, 1840-2000
- Kulturelles Erbe in Deutschland zwischen 1870 und 1989: Literarische Konzepte und Praktiken
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